Dies ist der achte Teil unserer monatlichen Blog-Serie über die neuesten Erkenntnisse in der Stoffwechselmedizin.
Viele Frauen, die mit einer GLP-1-Therapie starten, sind gleichzeitig in der Peri- oder Postmenopause. Und viele fragen sich: Passt das zusammen? Beeinflusst eine Hormonersatztherapie die Wirkung des Medikaments? Oder umgekehrt?
Die Antwort, die aktuelle Studien liefern, ist spannender als erwartet. Es geht nicht nur um Verträglichkeit. Erste Daten deuten darauf hin, dass die Kombination aus Hormonersatztherapie und GLP-1- beziehungsweise dualer Inkretin-Therapie mit stärkerem Gewichtsverlust verbunden sein kann.
Wichtig ist aber: Die bisherigen Daten sind noch nicht abschließend. Sie zeigen interessante Zusammenhänge, aber noch keinen endgültigen Beweis für Ursache und Wirkung.
In diesem Beitrag schaue ich mir an, was die Daten zeigen, wie die Biologie dahinterstecken könnte und was das für Frauen in den Wechseljahren konkret bedeuten kann.
Wenn Sie sich grundsätzlich über Abnehmen mit Spritzen, Wegovy oder Mounjaro informieren möchten, gilt immer: Ob eine Behandlung medizinisch geeignet ist, sollte individuell ärztlich geprüft werden.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Die Entscheidung für oder gegen eine Hormonersatztherapie sollte immer mit einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen getroffen werden. Eine GLP-1-Therapie sollte ebenfalls nur nach ärztlicher Eignungsprüfung und unter medizinischer Begleitung erfolgen.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Menopause und Gewicht zusammenhängen
- Was ist HRT eigentlich?
- Was die Studien zeigen
- Hurtado et al. 2024: 30 % mehr Gewichtsverlust mit HRT
- Castaneda et al. 2026: 35 % mehr Gewichtsverlust mit HRT
- Model et al. 2024: die biologische Erklärung
- Warum HRT als Pflaster, Spray oder Gel bevorzugt werden kann
- Was aktuell belegt ist und was offen bleibt
- Was das für Sie konkret bedeutet
- Studien und Quellen
Warum Menopause und Gewicht zusammenhängen
Mit dem Eintritt in die Menopause verändert sich die Körperzusammensetzung vieler Frauen deutlich. Das liegt nicht einfach nur am Alter, sondern auch am Rückgang von Östrogen.
Wenn Östrogen sinkt, kann sich Fettgewebe stärker in die Bauchregion verlagern. Gleichzeitig nimmt die Muskelmasse häufig ab. Dadurch kann auch der Ruheenergieumsatz sinken. Viele Frauen essen nicht mehr als vorher, nehmen aber trotzdem leichter zu oder verlieren Gewicht langsamer.
Hinzu kommen Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Stress und weniger Energie im Alltag. Auch das kann sich indirekt auf Essverhalten, Bewegung und Gewicht auswirken.
Vor diesem Hintergrund wird die Frage nach HRT und GLP-1 besonders relevant. GLP-1 beeinflusst unter anderem Appetit, Sättigung und Blutzuckerregulation. Wenn sich in den Wechseljahren hormonelle Signale verändern, kann das auch für die Wirkung einer Abnehmspritze relevant sein.
Eine allgemeine Einordnung zum Thema finden Sie auch in unserem Beitrag Abnehmen in den Wechseljahren.
Was ist HRT eigentlich?
HRT steht für Hormone Replacement Therapy, also Hormonersatztherapie. Häufig wird auch von HET oder MHT gesprochen. Gemeint ist: Hormone, die der Körper in den Wechseljahren nicht mehr ausreichend selbst produziert, werden von außen zugeführt.
In der Menopause sind das vor allem Östrogen und, bei Frauen mit Gebärmutter, zusätzlich ein Gestagen beziehungsweise Progesteron. Östrogen ist das Haupthormon, das typische Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen lindern kann. Progesteron wird bei vorhandener Gebärmutter gegeben, um die Gebärmutterschleimhaut zu schützen.
HRT gibt es in verschiedenen Formen: als Pflaster, Spray oder Gel, die über die Haut aufgenommen werden, oder als Tablette. Daneben gibt es lokale Anwendungen wie Vaginalcremes, Vaginaltabletten oder Zäpfchen, die vor allem lokal wirken.
HRT ist nicht für jede Frau geeignet. Bei bestimmten hormonsensitiven Erkrankungen in der Vorgeschichte, zum Beispiel Brustkrebs, gibt es klare Gegenanzeigen. Auch Alter, Zeitpunkt seit der Menopause, Gebärmutterstatus, Blutungsstatus, Thromboserisiko und persönliche Vorerkrankungen spielen eine Rolle.
Die Entscheidung dafür oder dagegen gehört deshalb immer in ein sorgfältiges Gespräch mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt.
Was die Studien zeigen
Die spannende Frage lautet: Ist die Kombination aus HRT und GLP-1 nur verträglich oder kann sie den Gewichtsverlust in den Wechseljahren tatsächlich beeinflussen?
Die bisherige Datenlage deutet darauf hin, dass Frauen nach der Menopause unter GLP-1- oder dualer Inkretin-Therapie stärker abnehmen könnten, wenn sie zusätzlich eine HRT nutzen. Gleichzeitig muss man sehr sauber bleiben: Die wichtigsten Daten stammen bisher aus retrospektiven beziehungsweise beobachtenden Analysen. Sie zeigen Zusammenhänge, aber beweisen noch keine Kausalität.
Hurtado et al. 2024: 30 % mehr Gewichtsverlust mit HRT
In einer retrospektiven Analyse der Mayo Clinic wurden postmenopausale Frauen mit Übergewicht oder Adipositas untersucht, die mit Semaglutid behandelt wurden. Verglichen wurden Frauen mit und ohne Hormonersatztherapie.
Nach zwölf Monaten zeigte sich ein klarer Unterschied: Frauen mit HRT verloren in der Analyse mehr Körpergewicht als Frauen ohne HRT. Im Ausgangstext werden 16 Prozent Gewichtsverlust in der HRT-Gruppe und 12 Prozent ohne HRT genannt. Das entspricht etwa 30 Prozent mehr Gewichtsverlust in der HRT-Gruppe.
Die Einschränkung ist wichtig: Es handelt sich nicht um eine randomisierte Studie. Die Gruppen könnten sich in anderen Merkmalen unterschieden haben, die den Effekt mit erklären. Trotzdem ist das Ergebnis relevant, weil es einen möglichen Zusammenhang zwischen HRT und stärkerem Therapieansprechen unter Semaglutid zeigt.
Castaneda et al. 2026: 35 % mehr Gewichtsverlust mit HRT
Eine Folgestudie untersuchte denselben Zusammenhang bei Tirzepatid. Auch hier wurden postmenopausale Frauen mit Übergewicht oder Adipositas betrachtet, mit und ohne Menopausenhormontherapie.
Die Ergebnisse gingen in eine ähnliche Richtung: Frauen mit HRT erreichten in der Analyse mehr Gewichtsverlust als Frauen ohne HRT. Im Ausgangstext werden 19,2 Prozent Gewichtsverlust mit HRT und 14 Prozent ohne HRT genannt. Das entspricht einem Unterschied von rund 35 Prozent.
Auch hier gilt: Die Daten sind beobachtend. Sie beweisen nicht, dass HRT die Ursache für den stärkeren Gewichtsverlust ist. Aber sie bestätigen, dass der Zusammenhang auch bei Tirzepatid ein relevantes Forschungsthema ist.
Mehr zu Tirzepatid finden Sie auf unserer Seite zu Mounjaro.
Model et al. 2024: die biologische Erklärung
Warum könnten sich HRT und GLP-1 gegenseitig beeinflussen? Präklinische Daten von Model et al. liefern eine mögliche Erklärung.
Östrogen und GLP-1 nutzen teilweise überlappende Signalwege in Geweben, die für Appetit, Sättigung und Stoffwechsel wichtig sind. Dazu gehören unter anderem Leber, Zentralnervensystem und weißes Fettgewebe.
Besonders interessant ist der Hypothalamus. Er spielt eine zentrale Rolle bei Appetitregulation und Energiehaushalt. Östrogen kann dort die appetitsupprimierende Wirkung von GLP-1 unterstützen. Wenn Östrogen fehlt, könnte dieser Verstärkungseffekt abgeschwächt sein. Eine HRT könnte ihn zumindest teilweise wiederherstellen.
Auch hier gilt: Präklinische Daten sind kein direkter Beweis für denselben Effekt beim Menschen. Sie liefern aber eine biologisch plausible Erklärung für das, was die retrospektiven Studien zeigen.
Warum HRT als Pflaster, Spray oder Gel bevorzugt werden kann
Eine praktische Frage ist in der Kombination besonders wichtig: Welche Form der HRT ist sinnvoll?
Die British Menopause Society weist darauf hin, dass Incretin-basierte Therapien wie Semaglutid und Tirzepatid die Magenentleerung verzögern können. Dadurch kann die Aufnahme oraler Medikamente theoretisch beeinflusst werden.
Transdermale Formen umgehen diesen Weg. HRT als Pflaster, Spray oder Gel wird über die Haut aufgenommen und ist damit nicht davon abhängig, wie schnell der Magen entleert wird.
Ein weiterer Vorteil: Transdermales Östrogen wird häufig günstiger im Hinblick auf das Thromboserisiko eingeordnet als orale Östrogene. Das ist besonders relevant, wenn Übergewicht oder Adipositas als zusätzliche Risikofaktoren vorliegen.
Das bedeutet nicht, dass jede orale HRT automatisch ungeeignet ist. Es bedeutet aber: Wenn eine Frau eine GLP-1- oder Tirzepatid-Therapie nutzt und gleichzeitig HRT einnimmt, sollte die Form der HRT gezielt gynäkologisch besprochen werden.
Wichtig bei HRT und GLP-1
- HRT nicht eigenständig beginnen, absetzen oder umstellen.
- Orale HRT bei gleichzeitiger GLP-1- oder Tirzepatid-Therapie ärztlich prüfen lassen.
- Bei ungeplanten Blutungen unter HRT gynäkologisch abklären lassen.
- Schwangerschaft, Kinderwunsch und Verhütung aktiv besprechen.
- Persönliche Risikofaktoren individuell einordnen lassen.
Was aktuell belegt ist und was offen bleibt
Die Datenlage ist vielversprechend, aber noch nicht abschließend. Deshalb ist eine klare Trennung wichtig.
Belegt beziehungsweise beobachtet: In retrospektiven Analysen war HRT bei postmenopausalen Frauen unter Semaglutid oder Tirzepatid mit stärkerem Gewichtsverlust verbunden als eine Therapie ohne HRT.
Biologisch plausibel: Östrogen und GLP-1 können überlappende Signalwege nutzen, insbesondere in Geweben, die für Appetit, Sättigung und Stoffwechsel relevant sind.
Noch offen: Ob HRT selbst die Ursache für den stärkeren Gewichtsverlust ist, ist nicht abschließend bewiesen. Prospektive, randomisierte Studien fehlen noch.
Praktische Empfehlung: Bei gleichzeitiger GLP-1- oder Tirzepatid-Therapie kann transdermale HRT, also Pflaster, Gel oder Spray, sinnvoller sein als orale HRT. Diese Entscheidung sollte individuell gynäkologisch getroffen werden.
Was das für Sie konkret bedeutet
Wenn Sie in der Peri- oder Postmenopause sind und mit einer GLP-1-Therapie starten oder bereits behandelt werden, sind ein paar Punkte praktisch relevant.
- Wenn Sie HRT nehmen oder darüber nachdenken, sprechen Sie das aktiv in Ihrer Beratung an.
- Wenn Sie gleichzeitig eine GLP-1- oder Tirzepatid-Therapie nutzen, sollte die Form der HRT gynäkologisch überprüft werden.
- Pflaster, Spray oder Gel können gegenüber oralen Formen Vorteile haben, weil sie den Magen-Darm-Trakt umgehen.
- Wenn Sie trotz GLP-1-Therapie weniger Gewicht verlieren als erwartet und keine HRT nutzen, kann der hormonelle Kontext ein Gesprächsthema mit Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen sein.
- Die Datenlage ist noch nicht durch randomisierte Studien gesichert. Deshalb sollte HRT nicht allein aus Abnehmgründen begonnen werden.
Wichtig bleibt: HRT ist nicht für jede Frau geeignet. Es gibt klare Gegenanzeigen, zum Beispiel bestimmte hormonsensitive Tumorerkrankungen in der Vorgeschichte. Die Entscheidung für oder gegen HRT sollte immer individuell und in Absprache mit Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen getroffen werden.
Auch eine Abnehmspritze sollte nicht isoliert betrachtet werden. Gerade in den Wechseljahren spielen Körperzusammensetzung, Muskelmasse, Schlaf, Ernährung, Bewegung, Stress und langfristige Stabilisierung eine wichtige Rolle.
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Abnehmen in den Wechseljahren medizinisch einordnen lassen
Wenn Gewicht, Wechseljahre, Hormontherapie oder GLP-1-Behandlung zusammenkommen, ist eine individuelle Prüfung wichtig. Wir klären, welcher Abnehmweg medizinisch sinnvoll sein kann und welche Fragen Sie zusätzlich gynäkologisch besprechen sollten.
Fazit: HRT und GLP-1 sind ein wichtiges Thema für Frauen in den Wechseljahren
Die Kombination aus HRT und GLP-1-Therapie ist medizinisch interessant, aber noch nicht endgültig geklärt. Erste Studien zeigen, dass Frauen mit Menopausenhormontherapie unter Semaglutid oder Tirzepatid stärker abnehmen könnten als Frauen ohne HRT. Gleichzeitig bleibt offen, ob HRT selbst die Ursache dafür ist.
Biologisch ist der Zusammenhang plausibel: Östrogen, GLP-1, Appetitregulation, Fettverteilung und Stoffwechsel greifen an mehreren Stellen ineinander. Besonders in den Wechseljahren kann dieser Zusammenhang relevant werden.
Für Patientinnen bedeutet das: Wenn Sie in der Peri- oder Postmenopause sind, eine HRT nutzen oder über HRT nachdenken und gleichzeitig eine Abnehmspritze einsetzen möchten, sollte das aktiv in der Beratung angesprochen werden.
Die wichtigste Botschaft bleibt: Weder HRT noch GLP-1 sollten isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist eine individuelle medizinische Einordnung mit gynäkologischer Expertise, ärztlicher Abnehmbegleitung und einem langfristigen Plan für Gewicht, Gesundheit und Lebensqualität.
Studien und Quellen
- Hurtado MD et al. 2024: Weight loss response to semaglutide in postmenopausal women with and without hormone therapy use. Menopause. DOI: 10.1097/GME.0000000000002310.
- Castaneda R et al. 2026: The role of menopause hormone therapy in modulating tirzepatide-associated weight loss in postmenopausal women with overweight or obesity. The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health. DOI: 10.1016/S3050-5038(25)00145-1.
- Model JFA et al. 2024: Interactions between glucagon like peptide 1 (GLP-1) and estrogen replacement therapy in metabolic tissues. Biochemical Pharmacology. DOI: 10.1016/j.bcp.2024.116623.
- British Menopause Society: Use of incretin-based therapies in women using hormone replacement therapy. Tool for Clinicians, April 2025.
- ClinicalTrials.gov: NCT06715514. Menopausal Hormone Therapy, GLP-1 Agonists, and Glucose and Energy Homeostasis in Postmenopausal Women with Diabetes.