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Wofür sind GLP-1-Agonisten zugelassen? Indikationen und Off-Label-Use

Dies ist der zweite Teil unserer monatlichen Blog-Serie über die neuesten Erkenntnisse in der Stoffwechselmedizin – evidenzbasiert, praxisnah und verständlich aufbereitet.

„Bin ich überhaupt geeignet für die Therapie?” – Diese Frage höre ich täglich in meiner Praxis. Die Antwort ist nicht immer einfach, denn während GLP-1-Agonisten für bestimmte Indikationen offiziell zugelassen sind, zeigen aktuelle Studien vielversprechende Ergebnisse auch bei anderen Erkrankungen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die offizielle Zulassung und den sogenannten Off-Label-Use werfen.

Offizielle Zulassungen in Deutschland und der EU

GLP-1-Agonisten wie Semaglutid (Wegovy®, Ozempic®) und Tirzepatid (Mounjaro®) sind in Deutschland und der EU für folgende Indikationen zugelassen:

1. Diabetes mellitus Typ 2

Die ursprüngliche Zulassung erfolgte zur Behandlung von Typ-2-Diabetes. Die Medikamente verbessern die Blutzuckerkontrolle, senken den HbA1c-Wert und reduzieren das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen.

Studienlage: Die SUSTAIN- und PIONEER-Studien für Semaglutid sowie die SURPASS-Studien für Tirzepatid zeigten HbA1c-Senkungen von 1,5-2,5% – deutlich mehr als bei vielen anderen Diabetes-Medikamenten.

2. Adipositas (Gewichtsmanagement)

Seit 2022 ist Semaglutid (Wegovy®) in höherer Dosierung zur Gewichtsreduktion zugelassen. Die Voraussetzungen:

BMI ≥ 30 kg/m² (Adipositas)
oder
BMI ≥ 27 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung

Welche Begleiterkrankungen zählen? – Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes – Bluthochdruck (Hypertonie) – Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie) – Obstruktive Schlafapnoe – Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Studienlage: Die STEP-Studien mit Semaglutid zeigten durchschnittlich 15% Gewichtsverlust, die SURMOUNT-Studien mit Tirzepatid sogar bis zu 22,5% (Jastreboff et al., NEJM 2022, PMID: 35658024).

3. Kardiovaskuläre Prävention

Die SELECT-Studie führte 2023 zu einer erweiterten Zulassung: Semaglutid reduziert bei Patient:innen mit Übergewicht und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod um 20% – unabhängig davon, ob ein Diabetes vorliegt (Lincoff et al., NEJM 2023, PMID: 37952131).

Was bedeutet Off-Label-Use?

Off-Label-Use bedeutet, dass ein Medikament außerhalb der offiziellen Zulassung eingesetzt wird – also bei Erkrankungen oder Patientengruppen, für die es (noch) nicht zugelassen ist. Dies ist in Deutschland rechtlich möglich, wenn:

  • Es keine zugelassene Alternative gibt
  • Die Behandlung medizinisch sinnvoll ist
  • Studiendaten die Wirksamkeit nahelegen
  • Patient:innen ausführlich aufgeklärt werden

Wichtig: Bei Off-Label-Use übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten in der Regel nicht. Die Behandlung muss selbst bezahlt werden.

PCOS: Neue Hoffnung für Frauen mit Polyzystischem Ovarialsyndrom

Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) betrifft etwa 10-15% aller Frauen im gebärfähigen Alter und ist durch Insulinresistenz, Übergewicht, unregelmäßige Zyklen und erhöhte männliche Hormone (Hyperandrogenismus) gekennzeichnet.

Aktuelle Studienlage zu GLP-1 bei PCOS

Mehrere randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zeigen vielversprechende Ergebnisse:

  • Gewichtsverlust: Frauen mit PCOS verloren unter Liraglutid (3,0 mg) durchschnittlich 5-10% ihres Körpergewichts – signifikant mehr als unter Placebo oder Metformin allein.
  • Verbesserung der Insulinresistenz: Der HOMA-IR-Index (Marker für Insulinresistenz) verbesserte sich um 30-40%.
  • Hormonelle Effekte: Testosteron-Spiegel sanken um 15-25%, was zu weniger Akne, Haarausfall und unerwünschtem Haarwuchs führte.
  • Ovulation und Fruchtbarkeit: In einer Studie mit 72 Frauen verbesserte sich die Ovulationsrate unter Liraglutid um 50% im Vergleich zu Metformin (Jensterle et al., Eur J Endocrinol 2015).
  • Kombination mit Metformin: Die Kombination von GLP-1-Agonisten mit Metformin scheint besonders effektiv zu sein und übertrifft beide Monotherapien.

Was bedeutet das für Betroffene?

GLP-1-Agonisten sind für PCOS nicht offiziell zugelassen – es handelt sich um Off-Label-Use. Dennoch kann die Therapie sinnvoll sein, wenn:

  • Übergewicht und Insulinresistenz im Vordergrund stehen
  • Metformin allein nicht ausreichend wirkt
  • Ein Kinderwunsch besteht (Achtung: Absetzen bei Schwangerschaft!)
  • Die Kostenübernahme geklärt ist (meist Selbstzahler)

Weitere Off-Label-Anwendungen

Prädiabetes

Prädiabetes (HbA1c 5,7-6,4% oder Nüchternglukose 100-125 mg/dl) ist eine Vorstufe des Typ-2-Diabetes. Studien zeigen, dass GLP-1-Agonisten die Progression zu Diabetes um bis zu 60% reduzieren können. Off-Label-Einsatz kann hier präventiv sinnvoll sein.

Metabolisches Syndrom

Die Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten und Insulinresistenz spricht gut auf GLP-1-Therapie an – auch wenn noch kein manifester Diabetes vorliegt.

Fettlebererkrankung (NASH/MASH)

Wie in unserem ersten Blogpost beschrieben, zeigen GLP-1-Agonisten beeindruckende Effekte auf die Leber. Eine offizielle Zulassung für NASH wird erwartet, aktuell ist es aber Off-Label-Use.

Kostenübernahme: Wann zahlt die Krankenkasse?

Kostenübernahme wahrscheinlich:

  • Typ-2-Diabetes mit Adipositas (BMI ≥ 30)
  • Typ-2-Diabetes mit unzureichender Blutzuckerkontrolle
  • Adipositas (BMI ≥ 30) mit gescheitertem Gewichtsreduktionsversuch

Kostenübernahme unwahrscheinlich:

  • Übergewicht ohne Diabetes (BMI 27-29,9)
  • PCOS ohne Diabetes
  • Prädiabetes
  • Reine Gewichtsreduktion ohne Komorbiditäten
  • Off-Label-Indikationen

Selbstzahler-Optionen

Wenn die Krankenkasse nicht zahlt, bleiben Selbstzahler-Optionen.

Tipp: Manche privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten bei medizinischer Indikation. Ein Antrag mit ärztlicher Begründung lohnt sich.

Rechtliche und ethische Aspekte

Als Ärztin ist es mir wichtig, transparent zu kommunizieren:

  • Off-Label-Use ist legal und medizinisch oft sinnvoll
  • Die Studienlage muss die Anwendung rechtfertigen
  • Ausführliche Aufklärung ist Pflicht
  • Keine Kostenübernahme durch gesetzliche Kassen
  • Regelmäßige Kontrollen sind notwendig

Fazit: Individuelle Entscheidung mit ärztlicher Begleitung

Die Frage „Bin ich geeignet?” lässt sich nicht pauschal beantworten. Während die offiziellen Zulassungen klare Kriterien vorgeben, zeigen Studien vielversprechende Ergebnisse auch bei anderen Erkrankungen wie PCOS, Prädiabetes oder metabolischem Syndrom.

Meine Empfehlung: – Vereinbaren Sie ein ausführliches Beratungsgespräch – Lassen Sie Ihre individuelle Situation bewerten – Klären Sie die Kostenübernahme im Vorfeld – Entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt

Im nächsten Blogpost (Januar 2026) widmen wir uns dem Therapieablauf und dem Management von Nebenwirkungen – damit Sie bestmöglich vorbereitet in die Behandlung starten können.

 

Wissenschaftliche Referenzen

  1. Adipositas-Studien: – Jastreboff AM, et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity. N Engl J Med. 2022. DOI: 10.1056/NEJMoa2206038, PMID: 35658024

  2. Kardiovaskuläre Prävention: – Lincoff AM, et al. Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes. N Engl J Med. 2023. DOI: 10.1056/NEJMoa2307563, PMID: 37952131

  3. PCOS: – Jensterle M, et al. Metformin and liraglutide exert additive effect on body weight loss in obese women with PCOS. Eur J Endocrinol. 2015. – Elkind-Hirsch K, et al. Comparison of single and combined treatment with exenatide and metformin on menstrual cyclicity in overweight women with polycystic ovary syndrome. J Clin Endocrinol Metab. 2008.

  4. Systematische Reviews: – Jensterle M, et al. The role of glucagon-like peptide-1 receptor agonists in the management of polycystic ovary syndrome: a systematic review. Diabetes Obes Metab. 2019.

Wichtig: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob diese Therapieform für Sie geeignet ist.

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